Sheltie News - Online

unabhängige, rassespezifische Zeitschrift für Sheltieliebhaber

Sheltie News Artikel
 
Sheltie News Nr. 3, September 1994:
Und sie Hüten doch!
Elisabeth Irene Lenth, Düsseldorf
Mit Erstaunen hörte ich vor einiger Zeit, daß Hüteinstinkte beim Sheltie gar nicht die Regel sind. Da ich zum ersten Mal einen Shetland Sheepdog halte, verließ ich mich auf die jahrzehntelange Erfahrung von Sheltiekennern und Züchtern, die typisches Hüteverhalten bei unserer Rasse als eher selten bezeichnen. Trotzdem, meine Sheltiehündin wird dem hierzulande wenig benutzten Kürzel "Sheepdog" durchaus gerecht. Mittlerweile bin ich sicher, dass es auch den diversen Umständen zuzuschreiben ist, daß sie Hüteveranlagung so deutlich zeigt.Anders als der Border Collie, der ein echter Hütehund ist, scheint der Sheltie nicht so sehr auf´s Hüten spezialisiert und ist eher ein Allrounder, ein lautstarker Wachhund, den man für verschiedene Tätigkeiten verwenden kann. Vielleicht kläfft und "greift" er so gern, weil die Shetland Ponys, Rinder und Schafe mit ruppigen Ermahnungen besser von den Feldern der Kleinbauern verjagt werden konnten? Auch musste der kleine Sheepdog gewiss keine Herden mit großer Kopfzahl (200 - 500 Schafe) hüten.In "Sheltie Talk" (B.J. McKinney & B. Hagen Riesenberg, Alpine Publications, USA) wird empfohlen, den Hüteinstinkt zu kultivieren, bevor der Gehorsam trainiert wird, da der Sheltie sonst dazu neige, mehr auf seinen Halter als auf die Herde zu achten. Erst müsse der Hund die Herde kontrollieren und dann der Halter den Hund. Dies könnte ein Grund sein, warum bei wohlerzogenen Shelties Hüteveranlagung nicht erkannt wird. Sie tritt relativ spät (7. - 18. Monat) zutage, wenn die Grunderziehung bereits begonnen hat oder sogar abgeschlossen ist.Der Sheltie braucht Förderung durch seinen Halter, weil auch ein erstklassig veranlagter Sheepdog nur so gut sein kann, wie es der Trainer ermöglicht. Und welcher Sheltiebesitzer versteht sich schon auf Hütearbeit? Wer hält denn noch Haustiere, die sich hüten lassen (Gänse, Laufenten, Schafe)? Hüteveranlagung beim Shetland Sheepdog wird in der deutschen Literatur nicht näher beschrieben, so dass Sheltieeigentümer diese möglicherweise übersehen; uns selbst fehlt ja der "Schafverstand" und "Herding Instinct".Will man überhaupt, dass der Sheltie eine Arbeitsrasse ist und sich dementsprechend arbeitshungrig zeigt? Die paar Trabschrittchen, die bei Zuchtschauen gelaufen werden, weisen eigentlich nicht darauf hin. Wäre evtl. die Haltung eines echten Hütehundes schwieriger, da arbeitslose "Workoholics" auch anderweitig aktiv werden könnten und z.B. streunen, wildern oder die Wohnungseinrichtung zerstören? Diejenigen, die im Hundesport aktiv sind, möchten die Arbeitsqualitäten unserer Rasse unbedingt erhalten. Aber auch wir anderen profitieren von der Hinwendung des Shelties zu seinem Halter, von seinem Fleiß und seiner Ausdauer, immer wieder Neues zu lernen. Wem es gelingt, seinen Sheltie zu beschäftigen, wird keine Probleme mit dessen Arbeitseifer haben. Einige Beispiele der Vergangenheit - aber auch der Gegenwart - zeigen, dass Shelties nicht nur Showhunde oder gar "Sofa-/Schoß-Collies" sind, sondern als Begleit-, Sport-, Sanitäts-, Schutz- und auch als Hütehund eingesetzt werden können.Bei der Beurteilung meiner Black Mandy von der Ahornallee bedenken Sie bitte, dass sich Mandy  fast selbst ausgebildet hat, und ich dies mangels Wissen und Haltungsmöglichkeit für Enten o.ä. nicht vervollkommnen kann und einige Hüteelemente deshalb auch nicht ganz so deutlich werden, wie wir sie beim Working Collie beobachten könnten.Nachdem ich die Zwingerhündin Mandy im Alter von 11 Monaten bei den Vorbesitzern - nicht dem Züchter - erworben hatte, übten wir täglich Bestandteile der sogenannten Unterordnung. Stets war meine 8jährige Yorkshire Terrierhündin dabei, die zu gern eigene "Wege" geht, sobald ich abgelenkt bin. Recht oft muss ich den Yorkie ermahnen, weil er sonst Amseln oder Mäuse fängt, Jogger oder große Hunde stellt und verbellt oder sich an Nahrungskrümeln oder Aas gütlich tut. Mandy beobachtete dies scharf, denn unsere gemeinsame Tätigkeit wurde jedesmal kurz unterbrochen. Bald achtete auch sie wie ein Luchs auf den Yorkie, kam mir zu Hilfe und versuchte, den Irrwisch zu mir zu treiben. Diese ersten Versuche wurden natürlich gelobt. Ich hielt dies für das übliche angeborene Hüteverhalten. Vor Jahren hatte ich irgendwo einmal gelesen, Sheltieleute in den Staaten (!) würden gern zwei Sheepdogs halten, da diese voll damit beschäftigt wären, sich gegenseitig zu hüten. Während einer "Platz-Bleib"-Übung der Sheltiehündin entfernte sich der Yorkie heimlich ca. 50 m, wissend, dass die abgelegte Mandy nicht aufstehen würde. Ich hob den Befehl durch "Lauf" auf und bekam einen "Outrun" zu sehen. Mandy lief in weitem Bogen um den Yorkie herum, wendete ihn kläffend und trieb ihn in gerader Linie auf mich zu. Nun ist mein Yorkie alles andere als ein "dummes Schaf", sondern ein frecher, gewitzter, wendiger, flinker, kleiner Teufelskerl, der einen Zickzackkurs im Renngalopp hinlegt, sich plötzlich um die eigene Achse dreht, eine andere Richtung einschlägt und aus vollem Galopp nur zwei Meter zum Stoppen benötigt. Mandy muss sich deshalb manchmal enorm anstrengen, denn der Yorkie fasst ihre Hüterei als Spiel auf und tollt wild herum. Aus diesem Grunde wird mehr gekläfft und "gegriffen" als dies bei Schafen nötig wäre. Der "Griff" ist ein Zufassen, bei dem weder gerissen noch gezerrt oder geschüttelt werden darf. Trotz dieser, für den Yorkie eher lästigen Hüteambitionen sind die Hündinnen ein Herz und eine Seele. Mittlerweile hütet die knapp vier Jahre alte Sheltiehündin den Yorkie ziemlich selbständig, achtet darauf, dass er sich nicht zu weit entfernt, und treibt ihn zu mir. Das "verkappte Schaf" wird gelegentlich vor einer älteren, dominanten Pinscherhündin beschützt, die den Yorkie zu gern vermöbeln würde. Mandy geht auf die fremde Hündin zu, lenkt sie imponierend ab, während der Yorkie und ich passieren. Mandy bildet drohend die Nachhut - der Pinscher kommt nicht an ihr vorbei. Bisweilen wírd der Yorkie auch von einer Zwergpudelmixhündin "Tina" abgelöst, die gern den von mir gekickten Ball zurückholt. Sie wird dabei von Mandy eingeholt und zu mir getrieben. Wenn Tina müde wird, sich ausruht, wird sie umkreist und manchmal verbellt. Selbstverständlich werden auch wir Menschen dauernd umkreist, wenn wir in der Gruppe spazierengehen.Ich verstehe wenig von Hütehundausbildung, habe mir aber für einige Elemente eine Befehlsverknüpfung ausgedacht: "Bring sie mit!" für das Abholen und Zurücktreiben; "Feste" für den Griff, falls sich der Yorkie widersetzt. Ein Schäfer, der Mandys Hütearbeit schon häufiger sah, amüsiert sich köstlich darüber. Er hat zwar schon einige Shelties gesehen, aber nie zuvor einen, der sich wie ein Hütehund verhält.Auf andere Tiere macht mich Mandy durch Anstarren (den "Blick") aufmerksam. Sie half beim Einfangen einer verletzter Taube (Flügelbruch), indem sie das Tier von der anderen Seite ablenkte und ganz langsam darauf zuging. Auch als die Taube kurz flatterte, versuchte Mandy nicht zuzufassen. Ihr Interesse am eingefangenen Tier war freundlich zurückhaltend. Den Igel, dem wir im letzten Herbst über eine Schnellstraße halfen, hätte ich ohne Mandy gar nicht bemerkt, da er im Unterholz neben der Straße herumwuselte und in der Dunkelheit am Bordsteinrand kaum zu sehen war.Mandy´s Motto heißt "Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps" - sie läßt sich, wenn sie arbeitet durch nichts ablenken. Sogar an guten Bekannten, die sonst Bauchkraulen dürfen, läuft sie vorbei als wären sie gar nicht vorhanden. Beim wilden Herumtollen in den Pausen auf dem Hundeplatz vermischen sich Hüten und Spiel: Der Outrun geht ins Leere, ich werde verbellt - der Sheltie jifft, knurrt oder kreischt bei jeder Drehung empört auf - dann bekomme ich den Griff zu spüren. Eine Jeansjacke hat ein Dreiangel zwischen den Schulterblättern, weil ich die Hündin zu sehr anstachelte, ärgerte, sie immer wieder durch rasches Wenden ins Leere laufen ließ und dann dummerweise eine "lange Flucht" unternahm. Das sind die Momente, wo Schutzhundler dem sonst so reservierten Sheltie staunend zuschauen, kaum glauben können, was sie da sehen. Zwischendurch wird mir der weiche Venylball vor die Füße gelegt. Ein Meter Abstand bitte, denn wir spielen Fußball. Gekickt fliegt der Ball viel weiter, man hält ohne Tennisarm länger durch als der Sheltie. Beim Antäuschen und Dribbeln kauert Mandy mit "Blick" vor meinen Füßen, beobachtet scharf die Körperhaltung, um die Flugbahn abzuschätzen, flitzt lauernd blitzschnell in die neue Richtung - manchmal trete ich erst über den Ball hinweg, bevor ich ihn in eine andere Richtung kicke. So trickse ich meine aktive Hündin aus. All das schätzt Mandy mehr als lange Waldwanderungen. Sie strengt eben äußerst gern Gehirn und Muskeln an.